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Die Frankfurter Universität war zum Zeitpunkt ihrer Gründung ein Unikat. Sie entstand aus der Überlegung heraus, dass an einer Hochschule Lösungen für Probleme der Gegenwart gefunden werden können. Es war für die Stadt Frankfurt und ihre Einwohner selbstverständlich, dass sie sich für eine Universitätsgründung einsetzten und auch finanziell engagierten: Politiker wie Oberbürgermeister Franz Adickes, Industrielle wie Wilhelm Merton und Bürger, vor allem jüdischer Herkunft, spendeten Vermögen für eine höhere Bildungsanstalt.
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Die Universität Frankfurt im Jahr ihrer Gründung 1914 |
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In Frankfurt entstand somit 1914 eine rein aus privaten Mitteln finanzierte Universität, die erste Stiftungsuniversität Deutschlands. Auch die Verfassung dieser Neugründung war bemerkenswert, denn neben dem Rektor und den Dekanen der fünf Fakultäten gab es ein Kuratorium und einen "Großen Rat", in dem Stifterfamilien, Unternehmer und Politiker der Stadt den Weg der Universität begleiteten. Dieses – modern gesprochen – bürgerschaftliche Engagement brachte der Universität Frankfurt trotz der allgemein schwierigen politischen Verhältnisse Erfolg. Frankfurt galt neben Berlin als die finanziell am besten ausgestattete Hochschule Deutschlands.
Lehre und Unterricht waren modern organisiert, die Gründer legten Wert darauf, daß neben traditionellen Fächern auch neue und vorab praxisrelevante Disziplinen unterrichtet wurden. Die naturwissenschaftlichen Fächer erhielten eine eigene Fakultät und wurden nicht – wie andernorts noch üblich – innerhalb der Philosophischen Fakultät organisiert. Neben der Medizinischen und Rechtswissenschaftlichen Fakultät richteten die Frankfurter die erste Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät Deutschlands ein. Hinzu kamen zahlreiche Institute, die zur Hochschule gehörten, zum Beispiel ein Institut für Sozialforschung, eine Akademie der Arbeit, ein Institut für Kulturmorphologie (Frobenius-Institut) und ein Elsaß-Lothringen-Institut.
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Max von Laue (r.) mit Max Planck |
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Die Personalverzeichnisse der Universität Frankfurt lesen sich vor 1933 wie ein "Who is Who" der deutschen Gelehrtenwelt: In Frankfurt lehrten und forschten vor dem Nationalsozialismus die Nobelpreisträger Paul Ehrlich (Medizin), Max von Laue, Max Born und Otto Stern (Physik). Ferner zählten Martin Buber, Paul Tillich, Adolph Löwe, Franz Oppenheimer, Karl Mannheim, Kurt Goldstein, Karl Herxheimer, Max Dehn zum Lehrkörper – die Aufzählung ließe sich mühelos fortsetzen. In den Matrikelbüchern sind ebenfalls bekannte Namen zu lesen. An der Universität Frankfurt studierten beispielsweise Carl Zuckmayer, Marion Gräfin von Dönhoff, Ludwig Erhard, Carl Carstens, Martin Kessel, Gabriele Tergit, Nikolaus Pewsner, Theodor Wiesengrund-Adorno. Kurzum: Die Frankfurter Universität war sowohl für Lehrende als auch für Studenten ein attraktiver Ort. Hier studierte die spätere intellektuelle Elite der Bundesrepublik Deutschland.
Kurz nach Hitlers Machtergreifung vertrieben die Nationalsozialisten alle jüdischen und politisch unliebsamen Wissenschaftler und Studenten aus den Universitäten. Die Universität Frankfurt trafen die Zwangsmaßnahmen besonders hart: 100 jüdische Wissenschaftler verloren im Frühjahr 1933 ihre Lehrbefugnis, ein Drittel aller Professoren musste den Lehrkörper verlassen. Weitere 16 Dozenten entließ das Ministerium aus politischen Gründen. Zahlreiche Studenten wurden zwangsexmatrikuliert und waren gezwungen, ihr Studium abzubrechen. Aus der weltoffenen und liberalen Frankfurter Universität war eine "gleichgeschaltete" Hochschule geworden.
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Studenten beim Wiederaufbau des Chemischen Institutes |
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Nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Wiederaufbau der zerstörten Gebäude fand die Johann Wolfgang Goethe-Universität (wie sie seit 1932 hieß) wieder ihren Platz in der deutschen Universitätslandschaft. Aus der Stiftungsuniversität wurde eine staatliche Hochschule. Stiftungen spielten nur noch eine untergeordnete Rolle, die Universität war abhängig von öffentlichen Mitteln. Trotzdem gelang es, vakante Professuren mit berühmten Personen zu besetzen. Die Physiker und die Volks- und Betriebswirte knüpften an ihre große wissenschaftliche Tradition vor 1933 an und zogen damit Studenten in die Stadt.
Das hohe Niveau, das in Frankfurt wieder erreicht wurde, zeigt sich in der Zahl der Nobelpreisträger, die hier in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts studierten oder lehrten: die Physiker Hans Bethe, Gerd Binning und Horst Störmer, die Mediziner Günter Blobel, Christiane Nüsslein-Volhard, die Chemiker Paul Karrer und Hartmut Michel sowie der Wirtschaftswissenschaftler Reinhard Selten. Der Literaturnobelpreisträger Günter Grass war 1990 Stiftungsgastdozent für Poetik. Zwei Professoren erhielten den Balzan-Preis, den "Nobelpreis der Kulturwissenschaften", der Historiker Lothar Gall und der Rechtshistoriker Michael Stolleis. Der Frankfurter Sozialphilosoph Jürgen Habermas wurde 2004 mit dem Kyoto-Preis und am 30. November 2005 mit dem Internationalen Holberg-Gedenkpreis ausgezeichnet.
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| Ausbau des Campus Westend |
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Die Universität wuchs, neue Fächer kamen hinzu und begünstigt durch die hervorragende Lage der Hochschule zog es immer mehr Studenten nach Frankfurt. Heute zählt die Johann Wolfgang Goethe-Universität zu den zehn größten Universitäten in Deutschland. Mit Aufnahme des Lehrbetriebs im Wintersemester 1914/15 begannen rund 600 Studenten ihr Studium in Frankfurt, der Rektor konnte in den folgenden Semestern jeden Neuimmatrikulierten mit Handschlag willkommen heißen. Im Wintersemester 2003/04 waren an der Johann Wolfgang Goethe-Universität über 43.000 Studenten immatrikuliert. Der Unterrichts- und Forschungsbetrieb konzentriert sich nicht auf einen Campus, sondern auf vier. Die Johann Wolfgang Goethe-Universität ist folglich eine Einrichtung, die in der Stadt mehrmals präsent ist, ganz im Sinne der Gründungsidee.
An den vier Standorten, auf die heute die 16 Fachbereiche der Universität Frankfurt verteilt sind, lässt sich auch die alte Fakultätsordnung ablesen: Die ehemalige Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche, und die Philosophische Fakultät auf dem Campus Westend, die Naturwissenschaftliche auf dem Campus Riedberg, die Medizinische auf dem Campus Niederrad. Dadurch erhält die Universität Frankfurt das Profil, welches sie benötigt, um in Rankings künftig einen der vorderen Plätze zu besetzen. Denn ein oder zwei exzellente Institute oder Seminare pro Campus werden zunächst ausreichen, um den jeweiligen Standort und damit die gesamte Universität aufzuwerten. Größe ist zwar nicht gleich Stärke, im Falle der Universität Frankfurt bedeutet Größe jedoch Vielfalt und birgt damit ein enormes Potential für die künftige Entwicklung der Hochschule. Hinzu kommt, dass die Universität Frankfurt seit 1.1.2008 eine "Stiftung des öffentlichen Rechts" ist und somit in vielen Bereichen eine Autonomie besitzt, die andere Hochschulen nicht haben.
Michael Maaser
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